22.07.2014

Filmrezension: Die Muse (2011) von Christian Genzel

Manchmal werden gute Filme in deutscher Sprache gemacht. Gute Filme, die einen das Herzblut spüren lassen, das in ihnen steckt, und die es trotz begrenzter Mittel schaffen auf allen Ebenen zu überzeugen. Einer dieser Filme ist Die Muse (2011) von Christian Genzel.

Die Story von Die Muse ist schnell erzäht: eine junge Frau namens Katja wacht in einer Zelle in einem Kellerraum auf. Hinter den Gitterstäben befinden sich ein Schreibtisch und ihr Entführer Peter Fischer. Peter Fischer ist Autor, den eigenen Angaben zufolge ein sehr guter Autor, der auf der Suche nach Inspiration ist und glaubt, sie in Katja gefunden zu haben. Katja soll seine Muse sein, ein Teil seiner großen, wichtigen Vision werden. Dass Katja dabei nicht mitspielen will ist klar und so entbrennt zwischen der Muse-wieder-Willen und dem "wichtigen" Autor ein Machtkampf, bei dem alle Mittel recht sind und schnell klar wird, dass nicht alles in diesem Spiel ist, wie es scheint.

Was wie eine 0815-Thriller-Story mit Kidnapping Thema klingt, ist tatsächlich ein Thriller mit klassischen und daher bekannten Kammerspiel-Elementen. Was Die Muse allerdings von anderen Filmen ihrer Art unterscheidet ist, dass es sich um einen wirklich guten Film handelt. Wirklich gut im Sinne von: engagierte und glaubhafte Darsteller, stimmiges Setdesign, sinnvolle und vielsagende Kameraführung und vor allem ein intelligentes, konsequentes und gut durchdachtes Drehbuch.
Schlussendlich geht es dann eben um das Gesamtergebnis, und dazu lässt sich sagen: Die Muse ist einfach spannend und macht aus einem klassischen Stoff etwas eigenes, das auch alte Film-Hasen überraschen und unterhalten kann.

Ein Kammerspiel, das auf kleinem Raum stattfindet und nicht von pausenloser Action, sondern von Dialogen und kleinsten körperlichen Gesten lebt, steht und fällt mit seinen Darstellern. Henriette Müller spielt Katja mit erfrischender Natürlichkeit, will heißen sie verzichtet auf ermüdende Theater-Theatralik und präsentiert einen echten Menschen, der sich plötzlich in einer ungewöhnlichen Notsituation befindet und damit umgehen muss. Thomas Limpinsel verfolgt mit Peter Fischer eine ähnliche Strategie und was leicht ein abgedroschener Autoren-Typus mit expressionistisch verklärter Wahnsinnsvision hätte sein können, wird in seiner Darstellung zu einem glaubhaften Menschen mit nachvollziehbarer Motivation und Gefühlswelt. Auch Jean-Luc Julien, der dritte im Bunde der Darsteller, macht seine Aufgabe gut und verkauft glaubwürdig den von mir aus Spoiler Gründen nicht weiter erwähnten Subplot.

Buch und Regie von Die Muse stammen wie schon erwähnt von Christian Genzel, den der eine oder andere vielleicht durch seinen Blog Wilsons Dachboden kennt. Die Muse von 2011 ist Genzels erster langer Spielfilm, vorher hat er Kurzfilme gemacht. Nicht immer gelingt es Independant Filmemachern den Sprung vom Kurz- aufs Langformat ohne großes Holpern zu überstehen, Christian Genzel hat mit Die Muse jedoch ganze Arbeit geleistet. Das starke Rückrad des Films bildet sein Drehbuch, das auf gängige Klischees verzichtet und mit Verstand und ohne Hollywood Allüren eine schlüssige, gut strukturierte Geschichte erzählt. Zwar kommt es in der Mitte des Films zu ein paar Längen, die sind beim rasanten Schluss, der tatsächlich actionreicher verläuft als vielleicht zu Beginn erwartet, aber schnell vergessen.

Was mir an Die Muse besonders gefällt ist, dass keiner der Charaktere zu einem Typus verkommt und niemand spontan Superkräfte entwickelt oder zum genialen Psycho-Duellanten mutiert. Katja ist eine ganz normale Frau, nicht mehr und nicht weniger und daher funktionieren eben auch nicht alle ihrer Flucht- und Verweigerungsstrategien. Genausowenig ist Peter Fischer ein böses Genie oder ein gewalttätiger Loser. Man mag es kaum glauben, aber: Die Muse kommt tatsächlich ganz ohne sexuelle Bedrohung aus. Sicher spielt es eine Rolle, dass hier ein Mann eine Frau entführt, um sie zu seiner Inspirationsquelle zu machen, aber eben nicht auf die platte Torture-Porn Art, die einem mittlerweile so sehr zum Halse heraushängt. Wichtig ist das Geschlecht der Entführten nur im Kunst-theoretischen Kontext des Films. Der ist besonders für Peter Fischer wichtig, denn er ergeht sich gern in literaturtheoretischen Diskursen und schwärmt vom geschriebenen Wort, seiner Wirkungsmacht und all dem Mitternachts-Talkrunden-Blabla, das Autoren gern von sich geben. Glücklicherweise fallen weder Katja noch der Film selbst darauf herein. Peters Plan und dem Drehbuch liegen andere, ökonomische Motive zugrunde, die schließlich dazu führen, dass Die Muse kein ruhiges Kammerspiel bleibt, sondern in handfeste Gewalt mündet.

Independant Filme gelingen, wenn sie auch aus begrenzten Mitteln ein Maximum an Film herausholen. Dazu benötigen sie die unerschütterliche Begeisterung für das Projekt und das gebündelte Know How aller Beteiligten. Beides spürt man, wenn man sich Die Muse anschaut.
Gibt es Abzüge? Klar. Zum Beispiel im Punkto Perrücken. Wie erwähnt gibt es in der Filmmitte auch ein paar Längen.
Insgesamt kann man jedoch mit gutem Gewissen den Hut ziehen und Die Muse von Christian Genzel mit überzeugten 8 von 10 Punkten bewerten. Wer Lust auf einen gut gemachten, intelligenten Thriller hat, der seine Zuschauer nicht für dumm verkauft, ist hier an der richtigen Adresse und unterstützt dabei auch noch den deutschen Independant Film.
Für einen Themen-Videoabend empfehle ich Hard Candy, Misery oder Der Tod und das Mädchen.

Wo könnt ihr Die Muse sehen? Im Internet. Seit dem 15ten März ist der Film als Video On Demand bei Vimeo zu sehen, Kostenpunkt 2,99$ zum Ausleihen, 4,99$ zum Kaufen. Hier der Link zum Film, wo ihr euch auch den Trailer anschauen könnt: Die Muse On Demand

Und zum Schluss noch eine Ankündigung: demnächst präsentieren wir auf der Brainbar ein Interview mit Christian Genzel. Darin wird es nicht nur um Die Muse gehen, sondern vor allem auch darum, wie man als Independant Filmemacher so lebt, wie die Film-Maschinerie hierzulande an sich funktioniert und natürlich wollen wir auch wissen, was Christian Genzel als nächstes macht. Seid also gespannt. 

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