01.04.2013

Vampire's Kiss - ein Plädoyer für Nicolas Cage und seine 110%

Eigentlich wollte ich eine klassische Rezension zu Vampire's Kiss schreiben. Ich wollte den Plot erläutern, die Namen der wichtigsten Beteiligten nennen, ein paar Worte zu Regie, Schnitt und so weiter sagen und vielleicht noch einen kleinen Absatz mit Interpretationsansätzen liefern. Aber das reicht nicht, um Vampire's Kiss, der den Meisten höchstens noch durch das zur Meme gewordene "You don't say?" Gesicht von Nicolas Cage bekannt ist, zu beschreiben.

Vampire's Kiss hat auf Rotten Tomatoes ein Critics Rating von  62%, während Zuschauer nur müde 48% aufbringen können. Das Hive Mind der Imdb vergibt 5,5 von 10 Punkten. Der Trailer zum Film suggeriert eine typische wacky comedy der ausgehenden 80ger, mit einem exzentrischen Monobrow-Nicolas Cage, sexy Vampiren und dem obligatorisch laszivem Saxophon. Das alles spricht nicht dafür, dass man Vampire's Kiss gesehen haben sollte und tatsächlich ging auch meine Motivation nicht über ein "Eh, warum nicht?" hinaus.
Warum wir alle falsch liegen und es eine Schande ist, dass Robert Biermanns kultverdächtiger Genre-Schatz noch nicht in der Criterion Editon erschienen ist, erläutere ich im Folgenden - und wenn ich bei meinerm Plädoyer für einen übergangenen Klassiker ganze 110% gebe, dann mit voller Absicht.

Die Story von Vampire's Kiss ist schnell erzählt: Peter Loews (Nicolas Cage) Leben kreist instabil um eine leere Mitte. Der ehrgeizige Literaturagent mit 1 Zimmer Apartment ist Single, verbringt seine Nächte in vollen Clubs und gabelt immer wieder neue Spielgefährtinnen auf, die am nächsten Morgen zu verschwinden haben. Gelangweilt und sehnsüchtig nach der einen, wahren Liebe klagt er seiner Psychologin sein Leid oder quält bei der Arbeit seine schüchterne Sekretärin. Der Zusammenbruch lässt nicht lange auf sich warten. Als Loew wieder einmal eine junge Dame mit nach hause bringt, erweist sich diese als besitzgergreifender Sukkubus. Vom Vampir "geküsst" verfällt Loew zunehmend dem Wahnsinn und versinkt in der Hölle New York.

Vampire's Kiss ist kein Film über Vampire. Tatsächlich muss man mit einiger Berechtigung annehmen, dass wir in den ganzen 103 Minuten keinen einzigen, "echten" Vampir zu Gesicht bekommen. Stärker noch als in anderen Vampir Filmen der 80ger Jahre (man denke zum Beispiel an den grandiosen The Hunger) ist der blutsaugende Dämon ein Bild für die Sehnsucht und die Grausamkeit eines lächerlich postmodernen Daseins. Der Mythos vom kreativen Go Getter Yuppie der 80ger Jahre hat seine Dynamik verloren. Zurückgeblieben sind abgestumpfte Neurotiker, die im selbstzerstörerischen Trott eines ausgeträumten Lebensstils versacken und vom Phantom ihres eigenen Sexismus gejagt werden. New York ist dabei der ideale Ort zum kaputt gehen, denn zwischen schimmernden Hochhaus-Tempeln dreht sich niemand mehr nach einem Mann um, der im blutverschmierten Anzug eine spitze Holzlatte hinter sich her zieht und verzweifelte Gespräche mit einer Hauswand führt. Peter Loews Sturz in den Wahnsinn dauert nicht lange, weil der Abgrund nie weit entfernt ist. So ist Vampire's Kiss vor allem ein Film über einen Mann, der an sich selbst wahnsinnig und zuletzt zur monströsen Ausgeburt all seiner Ängste wird.

Regisseur Robert Biermann bedient sich für seine Cinematographie vor allem am Film Noir, am Horrorfilm und bei Scorseses Taxi Driver. Das ergibt eine passende Mischung für die Verlorenheit und den psychischen Zerfall seines Hauptcharakters. Kurze 80s Softcore Erotikfilm Einlagen runden die Komposition ab und legen nicht nur Brüste, sondern auch den Zynismus von Loews Suche nach der wahren Liebe bloß.
Die Scorsese Parallele ist nicht nur im gnadenlos gleichgültigen New York angelegt. Writer Joseph Minion schrieb vor Vampire's Kiss das Script zu Scorseses After Hours von 1985. Auch in dieser schwarzen Komödie tritt ein junger Mann eine nächtliche Odysee durch New York an und zieht dabei den Zorn der Stadt auf sich. Während After Hours allerdings recht positiv aufgenommen wurde und Scorsese 1986 den Preis für die beste Regie in Cannes einbrachte, fristet Vampire's Kiss ein trauriges, un-remastertes Dasein in staubigen Regalen, auf Trash Film Festivals und in Cage-Rage Clips auf Youtube. Zwar gibt es in den letzten Jahren immer mehr Kritiker, die den 1988 gefloppten Film wiederentdecken und auch Roger Ebert hält ihn für unterstätzt, trotzdem hört man selten den Satz "Vampire's Kiss ist ein wirklich guter Film, den solltest du gesehen haben!". Viel eher lautet die Empfehlung folgendermaßen: "Wenn du Nicolas Cage beim Abspacken zusehen willst, solltest du Vampire's Kiss gucken!"

Nicolas Cage ist ein viel diskutiertes Phänomen und wenn ich versuchen müsste, seinen "Zauber" in nur einem Satz zu erklären, würde ich sagen: Man kann einfach nie wissen, was Nicolas Cage als nächstes tut. Das gilt nicht nur für seine Karriere als Schauspieler, sondern auch dafür, wie er jede seiner Rollen spielt. Die Handlung eines Films mag vorhersehbar sein, Nicolas Cages Performance ist es jedoch nie. Vielleicht schreit er, vielleicht weint er, vielleicht bleibt er ganz ruhig oder lacht wie ein Verrückter - vielleicht macht er alles auf einmal. Egal in welcher Situation: man muss einfach auf alles gefasst sein und das ist eine Qualtität, die den meisten Schauspielern - auch den ganz Großen - völlig abgeht.
Ein weiterer Faktor für Cages Reiz ist die Tatsache, dass er auch dort 110% gibt, wo andere müde mimend ihren Check kassieren (I'm looking at you, Robert De Niro). Egal wie billig der Film ist und wie schlecht das Script: Cage legt alles, was er hat, in seine Performance. Das kann dann am Ende grandios daneben liegen, wie zum Beispiel in The Wicker Man von 2006, aber eben auch in absolute Genialität ausschlagen, wie zum Beispiel in Vampire's Kiss.

Machen wir uns nichts vor: Robert Biermann ist ein solider TV Regisseur, aber kein Scorsese und Joseph Minion kann zynische Scripts über desillsionierte Künstlertypen im Moloch New York schreiben, ist aber kein Paul Schrader. Vampire's Kiss steht und fällt mit Nicolas Cage.
Ausgestattet mit einem britischen Akzent, der so falsch ist, dass es weh tut, und einer Leidenschaft, die William Shatners Mr. Tambourine Man wie eine Tasse Tee mit der Queen klingen lässt, stürzt sich Cage in seine Rolle und macht keine Gefangenen. Was für den unaufmerksamen Zuschauer wie furchtbares Overacting aussieht, ist die kompromisslose Verkörperung eines psychotischen Möchtegern-Big-Shots, der sich mit seinem aufgesetzten Akzent selbstverliebt und pseudo-charming durch die Single Szene schläft, bis die eigene Leere ihn einholt.

Cages Darstellung ist völlig zügellos und gerade deshalb erschreckend echt. Hier spielt jemand einen zerbrechenden Menschen ohne darüber nachzudenken, was die Zuschauer wohl über ihn sagen mögen, wenn sie aus dem Kino kommen. Cage stellt sich voll und ganz in den Dienst des Films. Wenn Peter Loew eine Kakerlake isst, dann isst Nicolas Cage eine Kakerlake. Wenn Peter Loew sich aufführt wie ein Idiot, führt sich Nicolas Cage auf wie ein Idiot. Und wenn Peter Loew schließlich völlig verzweifelt den Bezug zur Realität verliert, dann verliert Nicolas Cage eben auch verzweifelt den Bezug zur Realität.
Wenn er dann immer wieder "I am a Vampire!" schreiend durch die Stadt rennt und mit einem 3$ Vampirgebiss aus Plastik in Max Schreck Nosferatu Pose auf die Suche nach frischem Blut geht, bleibt einem das erste Lachen schnell im Halse stecken. Sicher ist Vampire's Kiss auch eine Komödie und Nicolas Cage beweist vor allem in den ersten zwei Akten des Films sein humoristisches Talent, aber als Peter Loews Wahnsinn schließlich in reale Gewalt ausufert, ist das nicht wirklich lustig, sondern bitterernst. Vampire's Kiss macht dabei auch nicht den Fehler, seine bluttriefenden Horror Elemente ins Lächerliche zu ziehen. Ein Mann verzweifelt und verliert den Verstand, eine Frau wird vergewaltigt, Menschen sterben. Dass das Kino Publikum davon nach einem Trailer, der eine sexy Dark-Comedy verspricht, kalt erwischt wurde, ist kaum verwunderlich.

Kurz: für sich allein genommen kann man über die ABC Szene, das Klappern mit den Vampirzähnen und Cages Fratzen lachen. Im Zusammenhang gesehen ist all das immer noch lustig, aber eben auch sehr, sehr bitter und nicht einfach grundlos overacted.
Wenn man das weiß, kann man ohne Vampire's Kiss gesehen zu haben zwar immernoch sagen "Ich glaube ich könnte mich mit Nicolas Cage in in dem Film einfach nicht anfreunden.", man kann aber nicht mehr so leicht behaupten, er liefere eine schlechte Performance ab, oder gar verkünden, Vampire's Kiss sei ganz offenbar ein schlechter, unbemerkenswerter Trash Film.

In Wirklichkeit ist Vampire's Kiss ein echtes Juwel, das auch nach 25 Jahren viel zu bieten hat:
1. Eine untypische aber sehr interessante Variation des Vampir-Themas (mir fällt im Vergleich eigentlich nur George Romeros Martin ein).
2. Bittere Satire über den amerikanischen Traum vom kreativen High Life in der Großstadt (They told me I could be anything, so I became a vampire).
3. Eine spannende und schonungslose Auseinandersetzung mit Realitätsverlust und Wahnsinn.
4. Ein gut strukturierter Plot ohne Längen.
5. Eine wahnsinnige Performance von Nicolase Cage, die unbestritten zu seinen besten zählt.
6. Herrliche 80s Atmosphäre im dreckigen New York.

Und das ist lange nicht alles, was man an Vampire's Kiss lieben könnte. Wer genau hinsieht bemerkt zum Beispiel, dass der Film nicht nur mit seinen Bildern, sondern auch mit seinem Thema und wichtigsten Handlungselementen die American Psycho Verfilmung von 2000 vorweg nimmt. Damit kann er auch erhellend in einen größeren Kontext zum Thema Mord und Wahnsinn im Film gestellt werden. Da ich allen, die den Film noch nicht gesehen haben jedoch nicht noch mehr verraten möchte, belasse ich es bei dieser Liste und diesem Beispiel.

Wo ist also die 25th Anniversary Edition von Vampire's Kiss? Wo ist die Criterion Edition? Warum gibt es nur zwei DVD Versionen (eine völlig ohne Extras aus Großbritannien und eine aus den USA, die wenigstens einen Audiokommentar von Robert Biermann und Nicolas Cage zu bieten hat)? Und warum zur Hölle ist der Film, wenn er schon kein Kanon Klassiker ist, nichtmal ein Kult Hit und Geheimtipp mit Merchandise und leidenschaftlicher Fanbase? Gut, Vampire's Kiss ist kein Troll 2, The Room oder Birdemic, (denn er ist eben kein furchtbarer Film). Aber bei all dem, was es an diesem Film zu entdecken und zu lieben gibt, ist es doch eine Schande, dass am Ende nur "You don't say?!" und "ABC" hängen geblieben sind.
Ich sage, es wird Zeit für eine umfassende Exhumierung und mache hiermit den ersten Spatenstich.
Ich sage: wer sich für Filme über Wahnsinn interessiert, wer 80ger Jahre Filme mag, wer Nicolas Cage schätzt, wer abends alleine zuhause hockt und Langeweile hat, wer Vampirfrauen in Strapsen mag, wer den American Psycho Film mochte, wer einen unterhaltsamen Horrorfilm für einen Videoabend braucht, wer sich einfach mal überraschen lassen will, wer Filme liebt: der sollte Vampire's Kiss auf seine Watchlist setzen.

And that's all I have to say about that.

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