04.11.2011

ZDF Neo zeigt die Star Trek "Nazi Folge" Patterns Of Force - Warum man einschalten darf

"You should make a very convincing Nazi, Captain." Dieser Satz wird heute zum ersten Mal im deutschen Fernsehn von Mr. Spock gesprochen werden. ZDF Neo zeigt im Rahmen einer Sci Fi Woche die remasterte Version der originalen Star Trek Serie und lässt es sich nicht nehmen, heute endlich auch die in den 70gern für etwas zu heikel befundene Folge namens "Patterns of Force" auszustrahlen, in der Captain Kirk und Mr. Spock Nazi Uniformen anlegen.
Tja, was soll man sagen: Nimm dies, Raum Zeit Kontinuum! Ist halt 43 Jahre zu spät und wohl kein Ding mehr, schließlich handelt es sich ja nur um Star Trek.
Dass in den 70gern auf die Ausstrahlung verzichtet wurde, hatte natürlich mit der lieben Vergangenheitsbewältigung und nicht mit dem tatsächlichen Inhalt zu tun, denn der ist alles andere als Nazi-freundlich. Als das ZDF 1972 Star Trek ausstrahlte, wurde Patterns of Force nicht synchronisiert. Damit war die Folge nicht allein, ganze 40 Episoden fielen unter den Tisch, bei Patterns of Force waren die Gründe dafür jedoch nicht nur Faulheit: Hakenkreuze und Hitlergrüße gehörten in dieser Form nicht ins TV. Erst 1985 verfollständigte Sat1 die Synchronisation der Serie, ließ "Patterns of Force" jedoch abermals und diesmal als einzige Episode aus. Nach der Blechtrommel war wohl doch nicht alles so bewältigt, wie wir dachten...
Irgendwann dürfte die Folge an sich dann wahrscheinlich (hoffentlich?) kein Problem mehr gewesen sein, aber warum sollte man sich die Mühe machen, für eine alberne, alte Nerd-Show noch einmal ein paar Synchronsprecher ins Studio zu zerren? So lief die Folge im deutschsprachigen Raum höchstens mal im ORF und dann auch auf Englisch. Erst für die DVD und BluRay Fassung wurde die Folge wieder interessant und so ist sie seit längerem frei zugänglich.
Die TV Ausstrahlung ist also an sich kein allzu großes Ereignis mehr. Warum es sich trotzdem lohnt, heute abend um 22:40 einzuschalten (sofern man ZDF Neo hat), erläutere ich im Folgenden Beitrag. 

Zunächst zur Handlung. Da man etwas, das seit mehr als 4 Jahrzehnten existiert und seit mehreren Jahren auf DVD zu haben ist, nicht wirklich spoilern kann, hier ein grober Abriss mit Ende:
Captain Kirk und Mr. Spock beamen auf der Suche nach dem verschwundenen Historiker John Gill auf den Planeten Ekos, der seit des letzten Föderations-Besuchs einen beunruhigenden technologischen Sprung gemacht hat. Schnell stellen die beiden fest, dass auf Ekos ein zweites drittes Reich errichtet wurde, mit SS, Hakenkreuzen, verfolgter Minderheit und einem Führer obendrein. Schockiert stellen die beiden fest, dass dieser Führer kein anderer ist als eben der verschwundene Historiker. Um ihn zu stoppen müssen unsere Helden sich dem Widerstand anschließen, mindestens dreimal die Nazi Uniform wechseln, mehrmals ins Gefängnis und wieder hinaus gelangen, einander halbnackt, gefesselt und gepeitscht besteigen und schließlich auch noch Bones mit in die Sache hineinziehen. Natürlich wird am Ende alles gut und wir lernen auch noch etwas: John Gill hatte einfach nur versucht, mit dem Nazi-Regelwerk den Menschen auf Ekos Ordnung und Fortschritt zu bringen, schließlich hatten die Nazis von damals ja auch Autobahnen gebaut und die Arbeitslosigkeit besiegt. Dummerweise hatte er dabei nicht mit einkalkuliert, dass Faschismus eben IMMER scheiße ist, egal auf welchem Planeten und egal mit welchen Intentionen.

Die Folge ist aus mehreren Gründen sehenswert. Erstens ist sie einfach ein großartiges Beispiel für die Pulp-Komponente, die Star Trek so sehr in den 60gern verortet. Man darf bei der alten Serie einfach nicht vergessen, dass sie neben allen intellektuellen Science Fiction Ideen, die darin eingearbeitet sind (dazu kommen wir auch noch), immer ein lustiges Abenteuer sein sollte. Oft scheinen moderne Zuschauer zu vergessen, dass das, was wir heute zum Lachen finden, damals auch wirklich als Witz gemeint war und nicht einfach nur schlecht gealtert ist. Wer sich bei Bones schlecht gespielter Betrunkenheit heute vor Lachen nicht mehr halten kann, reagiert genau so, wie die Autoren es sich gedacht hatten. Nazis, die eins auf die Fresse bekommen, gehören einfach zum amerikanischen Pulp dazu, nicht nur in Comics wie Helboy und Filmen wie Indaina Jones sondern eben auch bei einer Science Fiction Serie. Für Pulp Fans ist diese Episode also ein Fest.

Zweitens ist die Folge außerdem ein gutes Beispiel dafür, was die Fans meinen, wenn sie die Vermutung äußern, Kirk und Spock seien ein geheimes Liebespaar. Während die beiden Männer sich halbnackt und gefesselt in einer Zelle gegenseitig auf den Rücken klettern (natürlich nur um sich zu befreien) und dabei höchst Doppeldeutiges von sich geben, ist das Queer Reading einfach nicht zu umgehen. Nicht umsonst ist Star Trek die Mutter aller Slasher Fiction und dass es auch "damals" Homosexualität gab und das Team um Gene Roddenberry sich dessen durchaus bewusst war, dürfte niemanden wirklich überraschen. Nicht nur Roddenberry selbst, sondern auch andere Autoren antworteten, wenn ihnen später die Frage nach der innigen "Männerfreundschaft" gestellt wurde, mit einem Augenzwinkern. Doppeldeutige Guy Love und Bromance sind eben wirklich nichts Neues und das sieht man hier sehr schön.

Neben allem Witz und Pulp-Charme ist es jedoch etwas anderes, das "Patterns of Force" zu einer so sehenswerten Folge macht: eine intelligente und bis heute interessante Aussage. Nach mehr als 40 Jahren wird Star Trek nicht nur immer noch von Fans geliebt, sondern auch lebhaft an Universitäten diskutiert, analysiert und interpretiert. Selbst wenn Technik und Budget von damals mit heutigen Science Fiction Serien nicht mithalten können: geht es um die schlauen Gedanken, die hinter dem abenteuerlichen Plot stehen, schlägt Star Trek viele moderne Formate mit Leichtigkeit.
Was speziell "Patterns of Force" so interessant macht ist der Umgang mit Geschichte, der in dieser Folge demonstriert wird. Nicht nur in einer Zeit, in der sich viele Zuschauer noch selbst an den 2ten Weltkrieg und das Dritte Reich erinnern konnten, war die Herangehensweise von Star Trek sehr geschickt.
Wie immer, wenn die Crew der Enterprise mit realen Problemen unserer Wicklichkeit wie Rassismus und Krieg konfrontiert wird, begegnen unsere Helden den Konflikten aus einer völlig neutralen Position heraus. Kirk, Spock und auch der Historiker John Gill kennen den Faschismus eben nur aus Büchern. Für sie alle liegt das Dritte Reich mehrere Jahrhunderte in der Vergangenheit, für Mr. Spock ist es nicht einmal Teil seines kulturellen Gedächtnisses. Diese Sichtweise führt nicht nur dazu, dass Gill die Gefahr des Faschismus falsch einschätzt, sondern lässt auch den Zuschauer das Dritte Reich durch unsere Helden anders sehen.

Als die Folge in den 60ger Jahren in den USA ausgestrahlt wurde, sollte sie vor allem all jenen, die sich immer noch trauten laut zu denken, rechtes Gedankengut und Faschismus an sich seien ja nicht unbedingt das Problem im Dritten Reich gewesen ("Nicht alles, was der Herr Hitler gemacht hat, war schlecht."), entgegen stehen. Jungen Menschen sollte durch den unbefangenen Blick des Science Fiction gezeigt werden, dass ein totalitäres System ohne Ungerechtigkeit und Gewalt nicht bestehen kann, dass der Faschismus als solcher immer ein Fehler ist. Trotz dieser zeitbezogenen Intention ist uns "Patterns of Force" jedoch auch  heute noch nah.
Den Abstand, den Kirk und Spock zur Geschichte haben, können wir gut nachvollziehen. Auch wir kennen das Dritte Reich meist nur noch aus Büchern. Jedoch ist das Thema gerade in Deutschland immer noch so stark in unser Gedächtnis eingebrannt und Teil unseres Selbstverständnisses, dass auch wir niemals so unbedarft damit umgehen könnten wie Mr. Spock wenn er Kirk sagt, er gebe in seiner Uniform einen sehr überzeugenden Nazi ab. Es ist auch jetzt noch befremdlich, der Crew der Enterprise dabei zuzusehen, wie sie so völlig frei von der Last der Geschichte den Hitlergruß macht und Nazi spielt. Gerade das macht die Folge so interessant. Es ist spannend an sich selbst zu beobachten, wie uns diese Unvoreingenommenheit berührt. Nicht zuletzt führt uns die Folge so auch vor Augen, wie wir selber zur Geschichte stehen. Niemals würde ich wie Kirk oder gar der Historiker Gill agieren, aber was ist mit allen die nach mir kommen und keine Großeltern mehr haben, die ihnen vom Krieg erzählen können? Wie gehen wir mit Geschichte um, wenn sie so weit weg scheint? Was kann sie uns geben und was nicht?
"Patters of Force" beschäftigt sich unter allem Klamauk und Pulp mit genau diesen Fragen und ist immernoch so aktuell wie eh und jeh. Science Fiction eben.

Tja, vielleicht ist es also doch gar nicht so öde und überflüssig, "Patterns of Force" unter dem Namen "Schablonen der Gewalt" heute in deutscher Erstausstrahlung zu zeigen und darum auch ein wenig Brimborium zu veranstalten. Wer mir tatsächlich bis ans Ende dieses Textes gefolgt ist lasse sich jedenfalls noch einmal sagen: eine absolut sehenswerte Star Trek Episode, die auch abgesehen von vielen schlauen Gedanken dazu witzig und unterhaltsam ist. Jetzt muss nur noch die Synchronisation ertragbar sein. Aber dieses Problem betrifft mich dann auch schon nicht mehr, schließlich habe ich kein ZDF Neo und schaue Star Trek von der DVD im O-Ton.

Kommentare:

  1. Wird ja auch mal Zeit...und über die Synchronisation brauchen wir wohl eher nicht sprechen. Wenn es die gleiche Version ist, die ich habe, ist sie sehr sehr gewöhnungsbedürftig...

    AntwortenLöschen
  2. Ich hab mich gar nicht getraut, auf der DVD reinzuschauen...

    AntwortenLöschen
  3. Hey Simone, danke für Deinen Artikel... Ich muss gestehen das ich die Folge bis heute noch nicht gesehen habe - vermutlich auch aus dem Grund das mich Kirk & Co. in SS-Uniform bzw. die bisherigen Beschreibungen und Rezensionen nicht wirklich abgeholt haben...
    Ich glaube das Versäumnis muss ich nun mal nachholen, denn was Du da so schreibst, klingt nach einem guten Stück Story (und damit meine ich weniger den Haupt-Plot als vielmehr die "Moral hinter der Geschicht").

    Muss aber warten ... so langsam aber sicher muss ich mich mit den Serien in DVD-Form eindecken, sonst spricht man mir irgendwann den Status "Star Trek Fan" ab :-P

    VG
    Werner

    AntwortenLöschen
  4. @Sumi Guckst dus halt auf DVD ;)
    @Werner Man muss das ja auch nicht zwangsweise gucken, ich find die Folge nur an sich gar nicht übel und eben auch nicht schlechter als viele andere Folgen. ;)

    AntwortenLöschen

Dein Kommentar erscheint, wenn er sorgfältig per Hand freigeschaltet wurde ;)