26.10.2011

Comic Review: Scarlet


Leuchtend rotes Haar, ein entschlossener Blick und zwei Knarren: so begegnet uns Scarlet auf dem Cover des ersten Bandes der gleichnamigen neun Comic Reihe von Autor Brian Michael Bendis und Zeichner Alex Maleev. "Kinder der Revolution" nennt sich die vor kurzem im Panini Verlag erschienene Sammlung der ersten fünf Scarlet Hefte und auf 164 großartig illustrierten Seiten haben wir genug Zeit, die toughe Rächerin, ihre Geschichte und ihren Kampf kennenzulernen.
Ich für meinen Teil war ziemlich gespannt auf die dunkle Story über Korruption und Verbrechen und vor allem natürlich auf die junge Frau, die sich beidem furchtlos in den Weg stellt. Dass ich den schicken Band am Ende jedoch eher erleichtert zuklappte und erstmal weit weg legte, hat mehrere Gründe.

Die Story klingt spannend: Scarlet Rue ist ein junger Mensch wie jeder andere und wünscht sich nichts weiter als ein glückliches, normales Leben. Als dann ein Polizist den Mann ihrer Träume vor ihren Augen und völlig ohne Grund erschießt und sie ebenfalls schwer verletzt erkennt sie: die Welt ist schlecht und jemand muss sie ändern. Auf ihrer Suche nach Gerechtigkeit kommt sie bald einem Komplott um Korruption und Drogen in den Reihen der Polizei auf die Spur und so führt ihr Durst nach Vergeltung sie schnell auf den äußerst blutigen Pfad der Revolution.

Gerade in Zeiten von arabischem Frühling und Occupy XY muss Scarlets Kampf gegen das ungerechte und kriminelle Staatsorgan aktueller denn jeh wirken. Dem Titel "Kinder der Revolution" folgend wird sie im Comic selbst schnell zu einer Kultfigur, die in der Bevölkerung trotz ihrer brutalen Vorgehensweise viel Unterstützung und eine Menge Anhänger findet. Das Grundgefühl westlicher Jugendlicher, dieses "Es muss sich was ändern!", das nicht erst seit gestern allerorten in der Luft liegt, liefert den idealen Hintergrund für Bendis ambitionierte Revolutionsgeschichte. Dass sich Bendis bei seiner Story so einiges gedacht hat, wird überdeutlich.
Auch Alex Maleev Trägt zur düsteren Atmosphäre bei. Schon in DAREDEVIL fiel er unter Comicfans positiv auf und auch hier darf er zeigen, dass der verrottende Großstadtjungel genau sein Ding ist. Griffige, farbintensive Strukturen und starke Linien geben Scarlet den angestrebten Look aus Fight Club Ästhetik und Streetart. Hier rollen die Polizisten-Köpfe ganz von selbst und wir glauben Scarlet sofort, wenn sie uns erklärt: diese Welt ist schlecht und muss sich ändern. Klingt doch alles super, oder?
Grundlegend stüde dem erfolgreichen Feldzug von Bendis moderner Jeanne D'Arc tatsächlich nichts im Wege, trotzdem will es einfach nicht funken. Und das liegt blöderweise an der Heldin selbst.

Scarlet nervt. Vor allem dann, wenn sie redet. Und sie redet ständig. Die Tatsache, dass sie den Leser von Anfang an persönlich anspricht ist dabei nicht das Problem, das und Maleevs montagehafter Stil geben dem Comic einen gewissen Film-Flair, der an sich gut funktioniert. Das Problem ist, dass Scarlet wie eine kaputte Schallplatte immer und immer wieder das Gleiche erzählt. Die Welt ist schlecht. Wir müssen sie ändern. Stellt euch Scarlet einfach vor wie die pseudo Punker Level 12 Veganer Ex-Freundin eines eurer Kumpel. Stellt euch außerdem vor, ihr sitzt ihr in einer Echtlederjacke gegenüber und esst einen Hamburger. Ja, genau so nervig.
Schon ab der Hälfte des Bandes hatte ich persönlich genug vom ewigen Kreis aus Selstmitleid, Rechtfertigungen und Pali Tuch Revoluzzer Sprüchen, die mir dieser rothaarige Hipster da entgegen schwafelt. Scarlet ist leider nur dann wirklich sympatisch, wenn sie die Klappe hält und jemanden brutal ermordet oder ein kleines Blutbad anrichtet. Pure Ironie, schlißelich soll uns die ganze heiße Luft dazwischen ja gerade dazu bewegen, Scarlet nicht aus den falschen Gründen zu mögen, sondern eben weil sie bei all der Gewalt ja eine so intelligente, gedankenvolle und selbstreflektierende Person ist. Aber manchmal ist weniger eben doch mehr.

Auch die anderen Hauptcharaktere, darunter eine sympatische Polizistin, die ebenfalls über die geheime Gabe der direkten Kommunikation mit dem Leser verfügt und fast genauso aussieht wie Scarlet, können den Gesamteindruck nicht retten. Hinter einer Flut aus weißen Sprechblasen voll von Scarlets Gelaber geht das, was diesen Comic lesenswert machen könnte, leider größtenteils unter. Die platte und zeitweise recht ungelenk um den Inhalt herum stelzende deutsche Übetrsetzung hilft dabei nicht. "Hast du schonmal was von einem Blitzpöbel gehört?", fragt jemand Scarlet und ich denke "Nein, aber einen Flashmob kenne ich schon.".

Fazit: Schade. Scarlet hat viel Potential, das in diesem ersten Band leider der eigenen Heldin zum Opfer fällt. Es bleibt zu hoffen, dass Bendis sich in den nächsten Bänden fängt, schließlich ist die Exposition vorbei und die Handlung kann Fahrt aufnehmen.
Allein Scarlets neue Anhängerschaft lässt mich befürchten, dass wir die rothaarige Rächerin weniger im Kampf gegen das Verbrechen und vielmehr in der Diskussion mit aufgebrachten Kommune 1 Bewohnern und vorpubertären Anons wiederfinden. Aber ich will mal nicht den Teufel an die Wand malen...

Ich vergebe eine wohlwollende 6 von 10 und rate an, erstmal den nächsten Band abzuwarten. Hier gibt es viel Luft nach oben und man darf trotz allem immernoch gespannt sein.


P.S.: Gute Nachrichten für alle, denen diese Comic Review gefallen hat: dank der netten Leute von Panini werde ich sowas in Zukunft wohl öfter bieten können. (Und alle so Yeah!)  Genau gesagt ist die nächste Review schon in der Mache: Nemesis von Mark Millar und Steve McNiven steht in den Startlöchern!

1 Kommentar:

  1. "Blitzpöbel" find ich gut. Kreative Übersetzung. ;-)
    Mir hat das Comic gut gefallen. Der direkte Blick auf die Leserin. Die Charaktere erzählen mir, direkt mir, etwas. War fein so etwas zu lesen.

    Werd mir deinen Blog mal merken und in meine Blog-Roll mitaufnehmen.

    Bis die Tage. :-)

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