08.09.2011

Wie ist sie so, die deutsche WIRED?

Heute war es dann soweit: die deutsche WIRED lag frisch gedruckt und Goldgelb im Bundle mit der GQ am Kiosk. 5 Euro habe ich investiert, weil ich mir dieses Magazin für Deutschland schon lange wünsche. 3,80 soll die WIRED kosten, sobald sei dann auf ganz eigenen Füßen im Condé-Nast Verlag erscheint. Dürfen wir uns darauf freuen? Meine Antwort ist ja.

Man merkt der ersten Ausgabe der WIRED Deutschland ganz deutlich an, dass sie ein Appetizer ist und gemocht werden will. Griffiges, mattes Papier, schönes verspieltes Layout und Inhalte, die von der Gin Brennerei eines Berliner Professors über den Geek Begriff in Deutschland bis hin zu Reportagen über das Sex Netzwerk Badoo und Anstoßgeber neuster technischer Innovationen eine große Vielfalt an Themen umfassen. Alles auf schlanken 130 Seiten.
Nicht alles ist neu, viele Akrtikel und Grafiken mögen dem bewanderten Netzmenschen und Lesern der amerikanischen und britischen WIRED bekannt vorkommen. Allerdings finden sich auch neue, eigene Texte, die allesamt gut gelungen, wenn auch etwas kurz sind. Man mag jetzt kritisieren, wie das zum Beispiel Spiegel Online getan hat, dass "veralteter" Inhalt gerade bei einem Geek-Magazin ein Problem ist. Allerdings sollte man dabei im Auge behalten, dass die WIRED ja eben nicht nur an diese Zielgruppe verkauft werden soll. Wer konvertiert ist, muss nicht mehr konvertiert werden heißt es, aber seien wir ehrlich: die Zahl der Konvertierten ist klein. Um eine Zeitschrift wie die WIRED erfolgreich zu machen, muss man in Deutschland einigen Menschen wohl erst noch erklären, dass sie ja auch Geeks sind. Diese Test WIRED ist nicht mit allen Inhalten an der fordersten Front der Netzkultur, aber viele der zukünftigen Leser sind das auch nicht und müssen daher ein wenig abgeholt werden. Darum macht zum Beispiel eine Verortung des Geek Begriffs in Deutschland durchaus Sinn, auch wenn sie sich für mich etwas müßig liest.

Es wäre falsch über diese erste WIRED eine Kritik zu schreiben und schlussendlich zu entscheiden: ist dieses Magazin an sich gut oder nicht. Sie soll Hunger auf mehr machen und ob sie das tut ist am Ende subjektiv. Was man zur WIRED zu diesem Zeitpunkt jedoch äußern kann sind vor allem Hoffnungen und Befürchtungen. Befürchten kann man, dass die Zeitschrift zu sehr ein Amalgam aus WIRED US, UK etc wird, dass Inhalte, die sich speziell mit Deutschland befassen dem gegenüber zu kurz kommen und dass der als unterentwickelt eingeschätzte Geek-Markt  in Deutschland zu großem kommerziellem Druck führt und schlussendlich Niveauverlust und/oder Einstellung erfolgt.
Viel mehr als befürchten, darf man aber hoffen. Denn was die erste deutsche WIRED auszeichnet, ist eine spürbare Begeisterung der Autoren. Eine Zeitschrift, die in diesem Maße Innovation bejaht, den Fokus auf neue Ideen und eine Generation legt, die in Deutschland zumindest im öffentlichen Raum recht unterrepräsentiert ist, gibt es so bisher nicht. Dies könnte entscheidend für den Erfolg des Magazins sein und zumindest auf den ersten Blick steht der Inhalt der ersten Ausgabe diesem nicht im Wege.

Die erste WIRED verspricht mehr, als dass sie enttäuscht und weiß zu unterhalten. Wer sich dieses Magazin für Deutschland wünscht, sollte also auch darüber hinwegsehen, dass die WIRED vom Condé-Nast Verlag der GQ beigelegt wurde. Bereits im Vorfeld gab es vor allem deswegen Kritik, besonders im Hinblick auf die deutliche Ausrichtung der GQ auf ein männliches Publikum, während die WIRED ein genderneutrales Magazin ist. Diesen Vorwürfen begegnete Condé-Nast-Chef Moritz von Laffert ausführlich in einem Online Interview mit Leserfragen und seine Antworten sind nachvollziehbar.
Die WIRED zunächst im Bundle zu veröffentlichen sorgt dafür, dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit von deutlich mehr Menschen gelesen wird, als als allein erscheinendes Heft (wir erinnern uns an das EMPIRE Deutschland Desaster). Abgesehen davon, dass auch Frauen die GQ lesen, muss man sich der Realität stellen, dass es gerade in digitalen Zeiten schwer ist, eine neue Zeitschrift am Markt zu etablieren. Fakt ist auch, dass die Leserschaft der GQ sich wahrscheinlich mehr für Technik interessiert, als die Leserschaft der Vogue und so ist die Entscheidung zum GQ Bundle wirtschaftlich logisch. Wenn man damit ein Problem hat sollte man es zum einen der von Genderstereotypen belasteten Gesellschaft und vielleicht dem Condé-Nast Verlag selbst, nicht aber der WIRED zur Last legen. Als Befürworter der Gleichheit der Geschlechter sollte es emanzipierten Menschen schlichtweg gleich sein, welches Magazin man nach dem Bundle Kauf entsorgen muss.

Was mich zu meinem einzigen Problem mit dieser WIRED führt: ich werfe nicht gern Dinge weg, die noch völlig in Ordnung sind. Wer will mir also die GQ abnehmen? 

1 Kommentar:

  1. Werde ich mir morgen auch kaufen gehen. habs heute leider etwas verzockt und die Nachrichten darüber erst nach 8 mitbekommen. Bin gespannt :)

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