09.08.2010

Die Entdeckung des Septembers oder: ICH HABE KEINE ZEIT MEHR

Tatsächlich!, dachte Simone, als sie eines Morgens mit dem seltsamen Gefühl aufwachte, etwas wirklich Großes vergessen zu haben. Mit gerunzelter Stirn stand sie vor ihrem schönen Classic Sci Fi Movie Kalender zwischen Tür und Bett, der gerade das Poster zu H. G. Wells Things To Come präsentierte, und schüttelte den Kopf. Tatsächlich, da ist noch ein Monat vor dem Oktober! "September" nannte sich diese ominöse Zeitspanne und dauerte laut Kalender ganze 30 Tage. 30 Tage, die Simone einfach nicht auf dem Schirm gehabt hatte. 30 Tage mehr Zeit für die Hausaufgaben, die sie sich für diese Semesterferien vorgenommen hatte, 30 Tage mehr Zeit, um an ihrem Roman zu arbeiten, 30 Tage, in denen man ja vielleicht doch noch verreisen könnte.

Wie hatte Simone einen ganzen Monat vergessen können? Diese Frage beschäftigte sie den ganzen Tag und nach einigem Nachdenken, sowie einer großen Salattasche in angenehmer Begleitung, war der Schuldige gefunden: "ICH HABE KEINE ZEIT MEHR". "ICH HABE KEINE ZEIT MEHR" hatte vor gut zwei Jahren mit seiner gut durchdachten und über Jahrzehnte hinweg erprobten Invasion von Simones Gedankenwelt begonnen. Erst ganz leise: "Ich sollte langsam mein Studium beenden.". Dann etwas lauter: "Langsam sollte ich aber wirklich mal mein Studium beenden." und schließlich extrem vehement: "Ich muss so schnell wie möglich mein Studium beenden! ICH HABE KEINE ZEIT MEHR!". Diese Strategie sollte keinesfalls dafür sorgen, dass Simone tatsächlich in der Regelstudienzeit ihr Studium beendete, egal wie sinnig oder unsinnig das für sie gewesen wäre. "ICH HABE KEINE ZEIT MEHR"s Ziel war es viel eher, so viele Schuldgefühle in Simone zu erwecken wie nur möglich. Denn je mehr kleine "Ich müsste mal...", "Ich sollte mal..."und "Ich muss..." Gedanken Simones Geist infolge der Invasion ausschüttete, umso mehr kleine Sklaven erhielt "ICH HABE KEINE ZEIT MEHR", und diese halfen ihm dabei, Simone in ein ständig gestresstes Nervenbündel zu verwandeln.

Warum "ICH HABE KEINE ZEIT MEHR" das wollte? Das ist eine gute Frage, mindestens genauso gut wie die Frage, warum es falsch sein soll eine rote Ampel zu missachten, wenn kein Auto kommt. Wahrscheinlich wusste "ICH HABE KEINE ZEIT MEHR" selbst keine Antwort, denn es gab ihn schon ziemlich lange und da vergisst man schonmal das eine oder andere. Zusammen mit "ICH MUSS MEHR ARBEITEN" und "ICH MUSS DAS ZUENDE BRINGEN" war er irgendwann einmal aus dem Ei geschlüpft und verbrachte seitdem sein Dasein damit, den Menschen das Leben schwer zu machen. Dass er und seine Geschwister es in den Köpfen der Menschen sehr gut hatten, steht außer Frage, fraglich ist aber, warum die Menschen so erpicht darauf waren, diesen Gedanken zum Opfer zu fallen. Wollten sie sich am Ende dauernd schlecht fühlen? Dachten sie etwa, dass sie sich besser fühlen würden, wenn sie so dachten? Oder handelte es sich am Ende wieder einmal um eines dieser Hirngespinste à la "ICH MUSS GOTT GEFALLEN", "MEIN KÖRPER IST EIN HORT DER SÜNDE" und "DAFÜR KOMME ICH IN DIE HÖLLE", denen sich die Menschen zwar hier und da noch unterwarfen, die man in Simones Gefilden allerdings größtenteils abgelegt hatte? Simone tippte auf letzteres. Menschen sind seltsame Geschöpfe, die sich andauernd Regeln auferlegen, die für irgendetwas gut sein sollen, dachte sie. Leider achten Menschen so selten darauf, ob es ihnen überhaupt gut geht, wenn sie diesen Regeln folgen.

Simone trank ihre Plastikflasche leer, die in der ansonsten sehr stillen Bibliothek laut knackte, und seufzte. Eigentlich hatte sie sich ja immer für einen Menschen gehalten, dem so jemand wie "ICH HABE KEINE ZEIT MEHR" nichts anhaben konnte. Aber irgendwie hatte er sie dann doch drangekriegt. Und das Seltsamste daran war, dass dies ganz ohne das Zutun irgendeines Menschen in ihrer Umgebung geschehen war. Weder ihre Eltern, noch ihre Großeltern, noch ihre Geschwister, noch ihre Freunde, nein wirklich niemand hatte sie jemals dazu aufgefordert, ihr Studium so schnell wie möglich zu beenden. Niemand hatte ihr jemals das Gefühl gegeben, sie habe keine Zeit mehr, man hatte sie sogar dazu ermuntert, sich so viel Zeit zu nehmen, wie sie brauchte (solange alles finanziell machbar war versteht sich). Dumme Simone!, dachte Simone und schrieb es in großen Buchstaben auf ein Blatt Papier, das neben dem Laptop lag. Dumme, dumme Simone! Sie war wütend, auf sich selbst und auf "ICH HABE KEINE ZEIT MEHR", der dafür gesorgt hatte, dass sie einen ganzen Monat einfach so vergessen hatte. Das letzte Mal, dass sie über die Existenz des Septembers bescheid gewusst hatte, lag mindestens vier Monate zurück und seitdem hatte sie sich eine genze Menge Stress gemacht, der nun, nach der Entdeckung des Septembers, völlig sinnlos war.

Jetzt war Schluss. "ICH HABE ZEIT", dachte Simone, schrieb auch das auf das Papier und machte ein paar Strahlen drum herum. Ich habe Zeit, vielleicht nicht alle Zeit der Welt, aber Zeit genug, um mein Studium so zu beenden, wie ich es für richtig halte. Um meinen Roman dann fertig zu schreiben, wenn es eben soweit ist. Um lange Beiträge über einen vergessenen Monat in meinen Blog zu schreiben, wenn ich Lust dazu habe. Um mir auch mal eine Woche frei zu nehmen und zur GamesCom zu fahren. ICH HABE ZEIT!

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