14.04.2010

Ärsche mit Eigendynamik

In den letzten zwei Wochen habe ich, ob steigender Temperaturen, wieder verstärkt damit begonnen Sport zu treiben. Ich versuche jeden zweiten Tag zu laufen und an den Tagen dazwischen Übungen à la Liegestütze (erwartet keine Demonstration) et cetera zu machen. Allen, die sich nicht hyperaktiv fühlen wollen, sobald sie nur drei Stunden am Stück gesessen oder gar völlig unsportlich geschlafen haben, ist das nicht zu empfehlen. Denn ich habe gelernt: Wenn man den Körper erst mal an so viel Aktivität gewöhnt, dann will er das verdammt noch mal jeden Tag (Mistding). Es ist wohl damit zu erklären, dass ich heute morgen aufwachte und mich wie ein Gummiball fühlte. Nun, Springen kann ich in dieser Wohnung ja leider nicht, sonst stehen wieder die Nachbarn vor der Tür und hätten diesmal mit der Behauptung "See höpfen dao oöben!" druchaus recht. Das wollen wir ihnen nun nicht gönnen. Eine erste Abreaktion meiner höchst überschüssigen Energie erfolgte durch schnelles Radfahren zur Arbeit, wobei sich vor mir ein Bild Zeitungs Kurier und ein Mann mit Halbglatze, Jeans und Lederjacke, der auf einem viel zu großen Fahrrad fuhr, ein Wettrennen lieferten. Ich entging glücklicherweise dem Regen und mit einem fröhlichen Lied auf den Lippen arrivierte ich im Büro, wo ich mich alsbald mit wahnsinnigem Elan in eine Flut von Worten stürzte.

Vielleicht hätte ich in Anbetracht der Tatsache, dass mich dieses kribbelige und hibbelige Gefühl sinnloser physischer Euphorie tatsächlich ein wenig nervte, die zwei Tassen Kaffee weg lassen sollen. Aber es nervte mich eben nur ein wenig und so nahm ich gelegentliches Händezittern und Beinwippen in Kauf. Generell hatte ich seit dem Aufstehen gute Laune, was von vier produktiven Stunden Arbeit und dem weiteren Ausbleiben von Regen auf der kurzen Fahrt zur Uni begünstigt wurde. Hier saß ich in einem tatsächlich sehr interessanten Seminar zum Thema Kollektive Freiheit, bei einem Dozenten der mir aus dem vergangenen Semester bekannt und in positiver Erinnerung geblieben ist. In der ersten Hälfte der Sitzung beteiligte ich mich ein wenig, in der zweiten driftete ich ob einer eher sinnlosen Diskussion in die Planung der Themenkreise und Wortgruppen meines aktuellen Romans ab - und warf zwei essenzielle Seiten aufs Papier. Meine rastlose Produktivität und mein sonniges Gemüt begannen mir unheimlich zu werden.

Als ich das Seminargebäude verließ regnete es und da ich es nicht besonders eilig hatte, beschloss ich spontan einen Abstecher in die Lehmannsche Buchhandlung zu machen, wo es Studenten wie mir zur Zeit vergönnt ist, an einem Glücksrad zu drehen und eventuell etwas Süßes oder gar ein Buch abzustauben. Ich stellte mich also in die beachtliche Schlange neben der Rolltreppe. An dieser Stelle muss ich erklären, dass die Rolltreppen in der Lehmannschen Buchhandlung nur nach oben führen. Hinab steigt man per Treppenhaus.
Als ich also in der Gegend herumstand und mich darüber ärgerte, dass das "Illustration Now" Buch von Taschen immernoch nicht mit einem Preisschild versehen ist, kam ein kleiner Junge von vielleicht 3 oder 4 Jahren die Treppe hinauf und bliebt oben stehen. Ich dachte mir: Nun, die Mutti wird sicher gleich nachkommen. Aber nichts tat sich. Der Junge begann "Mami!" zu rufen und versuchte, die Rolltreppe hinabzusteigen. Dabei fiel er beinahe hin. Ich zuckte zusammen und begann mir Sorgen zu machen. Langsam müsste die Mutti doch mal kommen, oder? Ein weiteres, diesmal weinerliches, "Mami!" hatte aber nichts weiter zur Folge als ein "Da kannst du nicht runter, du musst die Treppe nehmen." Ich beugte mich nach rechts, sodass ich die Mutter im Erdgeschoss sehen konnte. Adrette junge Frau, schwarzer Mantel, roter Schal, dunkler Bob und Brille, mit Säugling vor der Brust. Keinerlei Anzeichen, das Buch in ihren Händen niederlegen und ihrem verirrten Sprössling zur Hilfe eilen zu wollen. Ich muss an dieser Stelle erklären, dass sich das Treppenhaus ein ganzes Stück entfernt von der Rolltreppe befindet, dass es aus der Perspektive eines 3 oder 4 Jährigen nur schwer zu sehen ist und dass die Stufen alles andere als Kindgerecht, weil sehr hoch, sind.

Ich bemerkte peripher, dass sich auch andere Studenten nach dem Kleinen umsahen - der ratlos immer mal wieder einen Schritt auf die Rolltreppe machte - aber offensichtlich nicht bereit dazu waren, ihren Platz in der Schlange zum Glücksrad aufzugeben. Schon richtig, schließlich konnten sie hier Süßigkeiten oder gar ein Buch abstauben! Auch Mutti rührte sich nicht. Offensichtlich handelte es sich um eine Aufgabe für Sim, den letzten Humanisten unter gut 15 Studenten und Kunden, die das Schauspiel neugierig beäugten. "Soll ich dich mal zu deiner Mutti bringen?", fragte ich den kleinen Kerl in der froschgrünen Jacke, der krampfhaft sein Bilderbuch in Händen hielt und in dessen blauen Augen sich die ersten Tränen abfahrtsbereit machten. "Ja.", antwortete er bestimmt und schüchtern zugleich und ließ sich dann auch brav an die Hand nehmen. An der Treppe fragte ich: "Soll ich dir dein Buch abnehmen?", da er im Begriff war sich an den Stangen des Geländers selbst hinuter zu geleiten (und die liegen für so kleine Menschen recht weit auseinander). "Nein!", meinte er und gab mir lieber seine andere Hand, als von dem Buch abzulassen. An dieser Stelle muss der Junge auch dem Letzten, der die Reaktion der wahrscheinlich sehr gestressten Mutter noch halbwegs nachvollziehen kann, sympathisch werden.

Unten kam uns selbige mit dem aufgeschnallten und friedlich-unbeteiligt in die Gegend stierenden Nachwuchs Nummer Zwei entgegen. "Siehst du, das passiert, wenn du nicht auf die Mutti hörst!" ("Siehst du was passiert?! Siehst du was passiert?! Du betrittst eine Welt des Schmerzes!") Nachdem Sie ihren Ausreißer an die Hand genommen hat schickt sie ein kleines Lächeln und ein "Danke." in meine Richtung. Auf dem Weg nach oben, zurück in die Schlange (Süßigkeiten oder gar ein Buch!) frage ich mich, ob Mami ihren Kleinen auch mit diesen Worten in Empfang genommen hätte, wäre er ihr nach einem Sturz die nach oben fahrende Rolltreppe hinunter mit blutiger Nase und schreiend vor Schmerz in die Arme gedrückt worden. "Siehst du, das passiert, wenn die Mutti dich eiskalt auf die Fresse fliegen lässt!" Der Junge Mann, der in der Schlange vor mir stand, war der Einzige, der mich direkt darauf hinwies, dass ich mich ruhig wieder an meinen alten Platz stellen sollte (was ich ohnehin getan hätte). Als er am Glücksrad drehen wollte, stellte sich heraus, dass er kein Student ist und er musste ohne Süßigkeiten - oder gar ein Buch - abziehen.

Ich gewann einen Block, auf dem bedeutungsschwangere Dinge wie "Wissen", "Raum - Zeit", "Das gute Leben", "Willensfreiheit", "Person" und "Handlungen" stehen. Papier kann man immer gebrauchen, aber ich fühlte mich ein wenig vom Schicksal vernachlässigt. Als ich die Lehmannsche verließ regnete es immernoch und nun gab es keine Entschuldigung mehr, mich länger in der Stadt aufzuhalten. Ich bestieg den nassen Sattel meines Fahrrads und trat den Heimweg an. Auf halber Strecke wurde der Regen stärker. Als sich - drei Ampeln vor meiner Abzweigung nach hause - zwei Frauen vor mich setzetn, die so langsam fuhren, dass ich an jeder der kommenden Ampeln im Regen stehenbleiben musste, setzte mein Mp3 Player zu "A hard rain's gonna fall" von Brian Ferry an. Die Ironie drohte mich und meine gute Laune zu überwältigen. Während ich hinter dem Schneckenpaar herradlte und nicht überholen konnte, weil der Autoverkehr neben uns zu stark war, dachte ich darüber nach, was ich wohl falsch gemacht hatte. War ich einen Moment zu stolz über meine Rettungsaktion gewesen und der Hybris verfallen? War ich so dynamisch und schnell gewesen, dass ich mein Glück irgendwo überholt hatte?

Während ich noch so nachdenke schlendert auf dem Bürgersteig neben mir ein Paar daher, Hände haltend und Regenschirm teilend. Mein Blick bleibt auf dem Hinterteil der Frau hängen, das im Takt ihrer Schritte trotz geringer Größe beachtlich wackelt. Ärsche mit Eigendynamik - denke ich. Und irgendwie fasst das meinen Tag recht gut zusammen.

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