09.01.2010

Das Imaginarium des Dr. Parnassus Review

Story: Der uralte Dr. Parnassus (Christopher Plummer) hat die Fähigkeit, den Gästen seines Imaginariums eine Welt aus ihrer eigenen Fantasie zu erschaffen. Seit Jahren reist mit seiner rebellischen Tochter Valentina (Lily Cole), seinem jungen Gehilfen Anton (Andrew Garfield), dem Zwerg Percy (Verne Troyer) und seiner antiquierten Bühnenshow durch die Welt neuerdings macht er sich jedoch verstärkt Sorgen. Kein Wunder, in wenigen Tagen wird Valentina 16 und dann gehört sie, dank einer Wette, die Parnassus mit Mr. Nick (Tom Waits), dem Teufel, abgeschlossen und verloren hat, eben jenem. Kurz vor Knapp unterbreitet Mr. Nick Parnassus allerdings einen letzen Wett-Vorschlag: Wer als erster 5 Seelen eintreibt, hat gewonnen. Die Seelen fängt man im Imaginarium, denn dort muss sich jeder Gast früher oder später zwischen Gut und Böse entscheiden. In diesem Wust taucht nun auch noch Tony (Heath Ledger, Jhonny Depp, Jude Law und Colin Farrell) auf, ein seltsamer Bursche ohne Gedächtnis und mit zweifelhafter Vergangenheit, der Dr. Parnassus bei der Lösung seines Problems helfen könnte. Oder nicht? Oder doch?

Review: Tjaaaa... wo soll ich anfangen? Ehrlich gesagt fällt mir diese Review sehr schwer, denn Das Imaginarium des Dr. Parnassus ist ein Film, den man sich (sofern er einem beim ersten Sehen denn gefallen oder zumindest nicht gänzlich missfallen hat) am besten mehrmals ansehen sollte.


Was ich vorab schon einmal sagen kann:
Die Story ist in ihrem Verlauf ein wenig krude und vor allem die erste Hälfte des Films leidet unter ein paar Längen. Das macht der visuelle Einfallsreichtum, mit dem hier erzählt wird, jedoch wett. Viel Liebe zum Detail und ein in sich abgeschlossener Stil erschaffen eine spannende, in Teilen überraschende und vor allem unterhaltsame Film-Welt. Die Effekte können sich dabei sehen lassen, denn eigentlich ist dieser Film ein Heimspiel: Was animiert werden muss, darf animiert aussehen, haben wir es doch ohnehin mit einer stark überzeuchneten Fantasiewelt zu tun.


Die Darsteller geben durchweg ihr Bestes, auch wenn ihre Rollen hier und da nicht allzu viel hergeben. Ironischerweise bleibt gerade Parnassus, der Erschaffer so farbenfroher Welten, etwas blass (dazu später mehr). Aber dank Plummer fällt und das gar nicht auf. Kalkweiß erscheint hingegen Valentina. Mit einem Charakter haben wir es hier garantiert nicht zu tun. Eher mit einem reinen Vehikel der Story, das je nach Situation seine Funktion variiert. Aber mit Kostümwechseln hat Model Lily Cole ja ohnehin Erfahrung...
Besonders überzeugend: Andrew Garfield und Verne Troyer. Überragend: Tom Waits als ambivalenter Teufel. Schwierig: Heath Ledger and friends als Tony. Nicht, weil der Darstellerwechsel im Film keinen Sinn macht (ganz im Gegenteil!) sonder eher, weil Heath Ledgers Tod so viel Sympathie für ihn hervorgerufen hat, dass es Vielen schwer fallen wird, Tony gerecht zu werden. Wir möchten, dass Tony ein "guter Kerl" ist, obwohl alle Zeichen deutlich dagegen sprechen. Glücklicherweise gibt es ja noch Colin Farrell. Der hat mit In Bruge zwar bewiesen, dass er mehr als das aalglatt-charmante und wortgewandt-prollige Schlitzohr auf dem Kasten hat, allerdings passt diese seine Parade-Rolle hier wie die Faust aufs Auge. Jude Law bleibt dagegen sehr unscharf und Jhonny Depp gibt im Endeffekt einen Heath Ledger, der einen Tony spielt, das allerdings mit Bravour.

Und damit wäre der Film für all jene, die nur wissen wollen, ober er sie gut unterhalten wird oder nicht, fertig besprochen. Für all jene, die nun aber noch wissen möchten, worum es denn in dieser Story wirklich geht, fängt sie erst an. Sicher, Überinterpretation ist hier eine nicht zu unterschätzende Gefahr, aber wenn Gilliam uns nun einmal eine sooo explizite Brotkrumen-Spur aus Topoi, Zeichen und Zitaten ausstreut, sollten wir ihr zumindest einige Meter folgen, bevor sie sich gänzlich im Wust der surrealen Bilderflut verliert.


Der hervorstechendste Themenkreis des Films ist der von Geschichte(n), Mythen, Legenden und Realität. Es gibt Bühnen, es gibt Schauspieler, es gibt Kulissen, es gibt Fantasiewelten, es gibt Geschichten, es gibt Lügen und nichts ist wie es scheint. Bevor Dr. Parnassus seine erste Wette mit dem Teufel abschließt ist er Mönch in einem Kloster, dessen Aufgabe darin besteht, das Universum zusammenzuhalten, indem ständig die Geschichte des Universums erzählt wird (Ja ich weiß, Die Unendliche Geschichte...). Die von ihm erzählten Rückblenden sind bunt wie seine Fantasiewelt und selbst das "reale" London wirkt überzeichnet und skurril. Gilliam hat immer schon gern das Wechselspiel von Fantasie und Realität oder besser: die Frage nach der Realität an sich thematisiert. Das ist hier nicht anders.
Was das Ganze verkompliziert, sind die offensichtlichen Anleihen aus dem Buddhismus, indischen Symbolen, christlichen Mythen und all dem anderen Krimskrams, der hier vor uns ausgebreitet wird. Ein Deal mit dem Teufel, eine Tochter, die zwischen Madonna und Maria Magdalena schwankt, das Rad des Lebens, Parnassus als Buddah, ein alter Mann mit weißem Bart, der Welten erschafft, (Parnassus als Gott? Darum vielleicht etwas farblos?) ewiges Leben, ein Sündenfall... Das alles passt natürlich irgendwie zusammen, aber genau hier liegt ja der Hund begraben: irgendwie. Ich für meinen Teil hatte beim ersten Sehen eher den Eindruck, es handle sich um ein thematisch zu breit gefächertes und konfus zusammengesetztes Kultur/Philosophie-Gemisch, das am Ende doch um ein leeres oder zumindest recht kleines Zentrum kreist. Aber wie gesagt: beim ersten Sehen.

Ob ich mir den Film unbedingt noch einmal ansehen muss ist allerdings fraglich. Denn auch, wenn mich die Fülle und Farbe nicht abgestoßen hat (Gilliam ist nun einmal überdreht), fühlte ich mich doch nicht vom Hocker gerissen. Richtig mitgegangen bin ich weniger, vielleicht liegt es daran, dass die Charaktere und die Handlung von dem irrsinnigen Überfluss an... ALLEM... überlagert werden. Das führt mich zum

Fazit: Man stelle sich Das Imaginarium des Dr. Parnassus wie ein kleines, wackeliges Mädchen vor, das mit Millionen und Abermillionen von bunten Schmuckstücken behängt ist. Jedes der Schmuckstücke ist wunderschön und wir sehen uns das Mädchen gern an, weil alles so schön glänzt. Aber wenn wir es näher kennenlernen wollten, müssten wir uns erstmal durch den glitzernden Firlefanz wühlen. Und ob sich diese Mühe dann lohnen wird ist fraglich. Also genießen wir einfach den kurzweiligen Anblick.

6,5 von 10 Punkten

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