01.06.2009

Zwei Schäufelchen und ein Todesfall

Tja, und so kann sich das Blatt wenden. Man beginnt den Tag mit einem lustig-lockeren "Ich-hab-wenig-zu-tun-also-poste-ich-Links"- Post. Und kaum ruft man so gegen sechs Uhr seinen Freund an, landet eine hektisch flatternde, blutüberströmte Taube auf dem Balkon. Ja, kein Scherz.

Auf einmal rauscht und rumpelt es draußen, die Katzen rennen zur Balkontür, ich hinterher. Schnell erkenne ich, dass mit dem Vogel, der da herumspringt nicht alles in Ordnung ist (vielleicht hilft bei dieser Feststellung das Blut, das überall auf den Boden spritzt). Mit dem Telefon in der Hand und zwei aufgeregten Katzen warte ich ab, was passiert und nach ein paar Sekunden liegt die Taube regungslos auf dem Bauch, während die Blutlache unter ihrem Kopf immer größer wird. Katzen aus der Küche schmeißen. Gucken, ob das Tier noch lebt. Ich bin sehr froh, dass ich gerade Christian am Ohr habe und nicht allein mit dem Mist dastehe. Seltsamerweise bin ich mir, nachdem die Taube nun völlig still daliegt überhaupt nicht mehr sicher, ob sie auch wirklich echt ist. Das liegt wohl an der seltsamen Farbe, die das Blut hat, nicht so weinrot, wie man sich das vorstellt, eher Zinober. Kurze Zeit denke ich an einen bösen Scherz der Nachbarn von Oben (Taube an der Angelschnur oder so). Durch hin und her bewegen des Körpers mit zwei Holsstäbchen wird aber schnell klar, dass die Taube echt und tot ist. Ich bin etwas erleichtert, da ich sie sonst entweder hätte erledigen oder pflegen müssen.

Todesursache ist ein kleines Loch in der Schädeldecke am Hinterkopf. Also da, wo Tauben sich nicht stoßen, wenn sie irgendwo gegen fliegen. Außerdem ist die Stelle etwas schwarz, aber das kann vom Blut und der Hirnmasse kommen, die reichlich austreten. Nirgendwo sind Spuren eines Aufpralls zu finden. Die Vermutung liegt nahe, dass jemand mit einer Lufpistole auf das Tier geschossen hat. Headshot. Und jetzt stehe ich da, in der brütenden Hitze und muss mir überlegen, was ich mit der Leiche anfangen soll.
Hier wird es interessant, denn ich muss das erste Mal eine solche Entscheidung treffen. Klar habe ich schon vorher tote Tiere gefunden, aber das war zuhause und irgendwie liegt die Gewalt da bei Mama und Papa. Die haben uns Kinder die Tiere beerdigen lassen. Aus den Erzählungen anderer weiß ich aber, dass es auch die Möglichkeit gibt, die Leiche einfach in den Müll zu werfen. Gut in eine Tüte einpacken, weg damit. Was für ein Mensch bin ich also? Ich bin ein Beerdiger. Es macht mich sehr wütend, dass jemand diese arme Taube einfach so umgebracht hat (viel wütender als die Tatsache, dass dieser jemand nicht darüber nachgedacht hat, dass die Taube auf meinem Balkon landen könnte). Irgendwie hat sie es nicht verdient, dass ich sie, nachdem sie jemand so behandelt hat, einfach in den Müll werfe, wie verdorbenes Essen oder Dreck. Schließlich würde ich mir sehr roh dabei vorkommen und das möchte ich nicht. Aber es muss schnell gehen, denn die Sonne scheint und es ist sehr, sehr war, wunderbares Wetter eigentlich...

Ich frage bei den Nachbarn nach einer Schaufel und erhalte zwei sehr kleine Schäufelchen, die man sonst für Balkon-Kästen benutzt. An dieser Stelle noch einmal vielen Dank an die Nachbarn von unten rechts, sie werden es nicht lesen, aber das ist egal. Ich packe die Taube in einen Schuhkarton (alles mithilfe einer Tüte, ich weiß, dass diese Tiere voller Parasiten sind und habe die Taube daher nie direkt angefasst) und verstaue den in meinen Rucksack. Die Beerdigung findet im Rosental statt. Pfarrer und Totengräber: Ich. Angehörige: keine. Nach einem längeren Spaziergang im sonnendurchfluteten Wald finde ich dann auch einen abgelegenen Platz und beginne zu graben. Einmal kommt ein Jogger vorbei, der sieht mich aber entweder nicht oder stört sich nicht an meiner Graberei. Ansonsten ist es still, ich höre Vögel zwitschern und bin ein Bisschen traurig, weil eigentlich so ein schöner Tag ist. Schließlich lege ich die Taube in ihr kleines Grab und schütte es zu. Nein, ich habe nichts gesagt, das wäre mir dann doch zu albern vorgekommen. Bedrückend war das Ganze schon genug. Um mich nicht allzu allein zu fühlen, habe ich Fotos gemacht (die hier beigefügt sind).

Jetzt bin ich wieder daheim und fühle mich etwas besser, auch wenn mir auf dem Rückweg ein einäugiger Hund begegnet ist. Gleich mache ich mir einen Tee, eine dicke Portion China Nudeln (habe außer einem Brot noch nichts gegessen) und dann lege ich mich ins Bett, Star Trek gucken.
Ich hoffe, die Taube hatte keinen Partner, denn wenn Tauben einmal einen gefunden haben, dann bleiben sie für den Rest ihres Lebens zusammen. Ich weiß noch, wie eine Taube mal drei Tage lang in einem Baum in unserem Garten saß, weil der Kater genau unter diesem Baum ihren Parnter umgebracht hatte. Egal ob es regnete oder windig war, die Taube blieb einfach da sitzen.

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