09.05.2009

Ein freies Assoziations Rondo ohne Anspruch

Zunächst, der benötigte Soundtrack. Eins. Zwei. Drei.

Everythings’s fucked up anyway. Sicher, ich weiß, das ist keine valide Lebenseinstellung, geschweige denn ein kreativer Quellpunkt aber es macht die Dinge einfacher, vor allem in dieser verfahrenen weil so offenen Situation. Ein dicker, arbeitsloser, 60jähriger Mann, der sein Leben damit verbringt eine Heath Ledger Fansite zu betreiben, ein Model, das sich seinen rechten Mittelfinger abreißen musste, um nicht im Auto zu verbrennen und seitdem nur noch für Bikini-Shoots gebucht wird, eine 45jährige Putzfrau, die früher eine eigene Boutique besessen hat und sich nun allabendlich vor dem Einschlafen vorstellt, Arzt in der psychiatrischen Anstalt zu sein, in der sie die Toiletten schrubbt. Krude Charaktere über die zu schreiben sich lohnen würde und die ich für zehn Seiten oder mehr sein könnte. Aber immer steht der Gedanke hinter dem Gedanken, die Idee stellt sich im Augenblick ihrer Formulierung in Frage und sie sagt: ist das nicht zu offensichtlich? Ist das nicht zu abgedreht und angestrengt anders, um wirklich von Bedeutung zu sein? Verträgt man diese Wahrheit nicht nur in kleinen Das-Schweigen-Der-Lämmer-Buffallo-Bill-Goodbye-Horses-Tanz-Dosen? Schließlich wollen sie doch dir Realität in dem finden, was sie lesen. So steigt dann der Wunsch in einem auf, etwas zu schreiben, das so wahr ist, dass es niemand aushalten kann. Gibt es Dinge, die so banal und dadurch dem Menschen so universell peinlich sind, dass wir sie nicht hören, nicht sehen, nicht lesen könnten? Aber schon beginne ich irgendetwas zu planen und schon könnte ich die letzten paar Sätze verwerfen und es würde keinen Unterschied machen, darum zwinge ich mich einfach mal sie da stehen zu lassen. Man geht nur kurz duschen und wenn man wiederkommt ist alles vorbei.
Von: Mama, I don’t wanna die! I sometimes wish I’d never been born at all! bis Nothing really matters to me! ist es nicht weit, vielleicht nicht einmal eine Minute, aber das Lied ist schon vorbei. Die eigenen Maßstäbe halten einen viel eher zurück, als alles andere, sollte man manchmal vielleicht gar keine haben und sich nicht fragen, ob man gerade albern, prätentiös oder wirklich unmittelbar ist? Vielleicht ist man ja gar nicht dieses obsolete bourgouise Wesen, das sich einbildet zu allem eine Meinung zu haben und im Endeffekt die Erwartungen einer nur eingebildeten intellektuellen Elite, die, sollte sei existieren, sowieso keine Notiz von einem nehmen würde, zu enttäuschen? Vielleicht ist man ja gar nichts oder niemand oder doch genau das, was man sich so vorstellt? Vielleicht ist es sehr eingebildet, sich überhaupt vorzustellen, irgendetwas zu sein. Kann man ein echtes Gefühl von einem falschen unterscheiden? Kann man die Person, die man immer sein wollte und die man täglich aus sich macht noch von einem echten Kern unterscheiden, gibt es den überhaupt?
Fragen über Fragen, es bleibt der Sprung zu etwas völlig anderem aber trotzdem verwandten. Bodo nämlich, denn der oben erwähnte dicke, arbeitslose, 60jährige Betreiber einer Heath Ledger Fansite muss Bodo heißen, wie das Modell Anna Veronika heißt und die Putzfrau Else. Gut, die letzten beiden Namen sind dem Moment geschuldet, Bodo ist mir schon unter der Dusche eingefallen und Dusch-Einfälle haben es so an sich, etwas langlebiger zu sein. Bodo hört also gerade Queen. Who want’s to live forever und er fühlt ungefähr, was ich fühle, wenn ich das höre aber er bezieht es auf den Mann seiner Träume, seine Weltsicht ist demnach leicht modifiziert. Ich denke bei dem Lied natürlich auch an bestimmte Dinge, aber die nenne ich nicht, weil sie einer sehr eigenen Welt entspringen, die niemand zu teilen zugeben würde, vermeiden wir hier einen Rückschritt auf die unaushaltbare Peinlichkeit der Wahrheit. Nun bin ich aber eben Bodo und Bodo findet es etwas albern, dass es ihn zum weinen bringt, dieses Lied zu hören, weil er sich durchaus darüber im klaren ist, wie absurd und wie furchtbar traurig-komisch seine Existenz ist, hier, in diesem kleinen Raum, gepflastert mit Postern, dem wackeligen Bücherregal, mit den Biografien und den Fotos von Fantreffen an seiner ansonsten sehr leeren Pinnwand. Bodo kämpft täglich mit seinem gesunden Menschenverstand, der die Stimme seines Vaters hat, diese mittlerweile aber nicht mal mehr benutzen muss, da ein enttäuschtes Kopfschütteln reicht. Wenn Bodo versucht, romantisch zu werden, ja, so nennt er es vor sich selbst, muss er immer aufhören, wenn sein Blick zufällig von den bunten Bildern auf die Schokoladenflecken wandert, die sich schon seit Tagen auf seinem Pullover befinden. Bodo singt das Lied leise mit, während er an all das denkt und halbherzig einen Selbstmord plant, der so albern und hilflos wirken würde, wie sein gesamtes Leben. Vor kurzem hat Bodo herausgefunden, dass es dieses englische Wort gibt, selfconcious, und dass das eine schlechte Sache sein muss, er erfühlt die genaue Bedeutung eher, als dass er sie genau in Worte übersetzen könnte. Jedenfalls weiß er, dass es ihn beschreibt und darum weiß er, dass er hoffnungslos ist, sein müsste, was auch immer. Bodo postet ein neues Heath Ledger Bild, das er in einem der zahlreichen Foren, in denen er sich täglich aufhält, gefunden hat.
Anna Veronika hört das Lied auch, aber im Autoradio, als sie sich überlegt, wie lange sie wohl noch Zeit hat, bevor die Flammen sie erreichen. Sicher, sie überlegt sich das nicht bewusst, aber wenn sie jetzt daran zurückdenkt, umschreibt sie es so. Vor sich selbst darf man ungenau sein, soweit man sich darüber bewusst ist. Anna Veronika hat niemandem von diesem Lied erzählt, weil es ihr niemand glauben würde. Ich selber glaube es auch nicht. Aber was soll Anna Veronika machen, sie weiß, was sie gehört hat und so unwahrscheinlich sie selbst es auch findet, Wahrheit ist Wahrheit. Beim zweiten Lesen scheint uns dieser Satz unmöglich. Nicht, dass Anna Veronika die Worte, die ihr über den Lärm hinweg in die Ohren schlichen, in dem betreffenden Moment besonders bedeutungsschwanger erschienen, sie waren ihr mehr oder weniger egal, weil sie sich mit der Aufgabe konfrontiert sah, ihre eingeklemmte Hand zu befreien, bevor sie unweigerlich ersticken oder verbrennen musste. Als Anna Veronika panisch an ihrem Arm riss und merkte, wie etwas nachgab, das sich später als erwähnter Mittelfinger herausstellen sollte, dachte sie an ihre Katze, die ein Nachbar mit Rattengift getötet und dann vor ihre Haustür gelegt hatte. Im Nachhinein versucht sie zu verstehen, ob ihr Gehirn dieses Bild völlig zusammenhangslos vor ihr inneres Auge geworfen hat, oder ob es ihr irgendetwas sehr wesendliches über sie selbst mitteilen wollte. Fest steht, dass sie, wenn die Kamera blitzt, immer noch ihre Katze sieht, lächerlicherweise in der Puma-Position. Das erzählt sie auch niemandem. Warum Anna Veronika nur noch für Bikini-Shoots gebucht wird ist eine andere Geschichte und hat mit Queen nichts zu tun, wobei ich bezweifle, dass sich Queen als einziges durchgehendes Thema erweisen wird, wenn ich zum Ende komme.
Else, die im Nachhinein eigentlich Bärbel heißt, hört auch Queen, den ganzen Tag, Else ist die einziger unter den dreien, die Who want’s to live forever nur hört, weil sie ein großer Queen Fan ist. Für sie bedeutet dieses bestimmte Lied nichts, für Else ist „I want to break free“ viel wichtiger und das hat neben der Putzfrau-Verbindung über den Videoclip so offensichtliche Gründe, dass ich sie hier nicht aufführen möchte. Ich müsste mich schämen. Else hört das Lied als sie in der Küche steht, die Schere in der Hand und mit den Gedanken bei Maria, einer der Patientinnen, die angeblich fünf Menschen mit einer solchen Schere verstümmelt und getötet hat. Erst die Augenlieder, dann die Nasenflügel, die Lippen, die Ohrläppchen, all diese weichen Dinge, an denen man verliebt knabbert und sich dann wünscht, hineinbeißen zu können. Dann die Fingerkuppen, angeblich sogar die Genitalien, aber das stellt Else sich nicht allzu eingehend vor. Jedenfalls nicht, wenn die Sonne scheint, denn Maria ist ihr immer schon eine Spur zu offensiv gewesen, was ihre Sexualität angeht, Else wusste zum Beispiel nicht, was sie antworten sollte, als Maria sie fragte, wie viele Männer sie schon gehabt hatte und ob sie glaube, dass Freud mit Kastrationsangst und Penisneid recht habe. Ja, ich liefere Interpretationsansätze frei haus. Else würde mit Elektroschocks behandeln, manchmal verdreht sie die Augen vor dem Spiegel, sodass man nur noch das Weiß sehen kann, aber natürlich ist es ihr selber nicht möglich, das überprüfen, darum möchte sie das gerne mal bei jemand anderem sehen. Zum Schluss lässt Maria ihr Opfer ausbluten, dabei wiegt sie sie angeblich in ihren Armen und singt Kinderlieder, aber Else und ich halten das für zu konstruiert. Else schreibt seit drei Wochen an einer Fallstudie über Maria, hat angefangen, Freud zu lesen und im Gegensatz zu Bodo hält sie sich für alles andere als albern oder hoffnungslos, wenn sie so in der Küche steht und langsam Hühnchenfleisch zerschneidet, zu Freddy Mercurys Stimme.
Sprechen wir über die Rolle meiner Playlist für den bisherigen Verlauf dieses Dokuments? Nein. Jetzt müsste ich das vorangegangene wohl in einen Zusammenhang stellen. Sicher, das könnte ich. Zum Beispiel: Alle drei finden sich nach einer atomaren Katastrophe auf in den postapokalyptischen Überresten ihrer Stadt wieder und müssen zusammenarbeiten, um sich gegen die durch die Strahlung entstandenen Mutanten zu wehren. Der Charlton Heston Ansatz, er spielt in derselben Liga wie: Alle drei werden von Aliens entführt und auf einem fremden Planeten zu absurden Gladiatorenkämpfen gezwungen. Das wäre der SciFi Ansatz, ich kann das für beliebige Genres durchspielen, bis ich keine Lust mehr habe.
Psychologischer Ansatz: Alle drei befinden sich zufällig im selben Aufzug eines Kaufhauses, als dieser stecken bleibt und in den folgenden Stunden werden sie sich in einer Reihe von Ich-weiß-doch-nicht-wo-ich-sonst-hingehen-soll-Momenten darüber klar, wer sie sind und was sie von ihrem Leben erwarten und vielleicht noch, dass sie nie Lesen gelernt haben.
Fightclub-Ansatz: Alle drei sind nur einer von ihnen und wer immer es ist, er plant die allgemeine Ordnung zu erschüttern. Bodo wäre hier wahrscheinlich, da er über das Internet ein gut funktionierendes Netzwerk aufgebaut hat, außerdem wäre das Internet ein hippes und semi-junges Thema. Bodos Geschichte könnte also von der bereits erwähnten eingebildeten intellektuellen Elite zerlegt und für prätentiös genug gehalten werden, um im intellektuellen-Eliten-Alltag zitierbar zu sein.
RomCom-Ansatz: Alle drei befinden sich in der selben Selbsthilfegruppe für unheilbare Singles und verlieben sich wechselseitig, was zu ebenso wechselseitigen Problemen und sicherlich uhrkomischen, dem Leben authentisch-unauthentisch entnommenen Momenten führen würde, mit einem anrührenden Moment kurz vor dem Happy End, vielleicht bekommt Else im Laufe der Geschichte Krebs und amputiert ihn mit einer Schere...
Ultra-Literaten-Ansatz: Alle drei haben außer dem Buchtitel nichts gemeinsam, alle drei kämpfen sich durch eine Reihe von seltsam-nüchternen sexuellen Momenten und haben außerdem ein mehr oder minder tiefliegendes Problem mit der deutschen Vergangenheit, das sich erst auf den letzten Seiten erschließt und dem Werk einen kulturhistorischen Ausblick gibt, der die seltsam-nüchternen sexuellen Momente nicht erklärt.
Meta-Fightclub-Ansatz: Alle drei sind ich und ich bin der Autor oder doch der Erzähler oder doch der Autor und warum kann ich so schlecht schlafen?
Ich sehe schon, ich nehme diese Spielerei nicht mehr ernst genug, ergo ich habe wohl keine Lust mehr. Wichtig finde ich allein, dass bei einer Verfilmung Who want’s to live forever im Abspann gespielt werden sollte.
Brauchen wir denn überhaupt eine definite Form? Is this the real life, is this just fantasy? Die einzige Form, die mir an dieser Stelle plausibel erschiene wäre ein Trapez, da dieses Wort eine Menge mit dem Zirkus zu tun hat. Zwinker. Und wenn ich keine Form wähle, in wessen Tradition stelle ich mich dann, wem könnte man meine krude Schriftführung verdanken? Die Vorstellung von geistigen Eltern ist so abstrus wie eingebläut. Put a gun against his head, pulled my trigger now he’s dead. Ist es am Ende diese universelle, banale und alles zwingende Kausalität, gegen die meine verschriftlichten Gedanken rebellieren? Gehört der Wunsch nach einer Form nicht wieder zu diesen so ungemein philosophisch formulierten Ansprüchen, die das moderne Individuum, sprich ich, an sich stellt und die es dann in sein solcherweise selbstgeschaufeltes Grab werfen? Ist ein Ende überhaupt vorstellbar und zwar auf den Grundlagen dessen, was hier vorliegt? Und ist es gesund ein Thema finden zu wollen, wenn man doch von Anfang an nicht an ein solches glauben wollte? Ist das die ewige Inkonsequenz, die mich davon abhält mir die Worte bold und daring ans Revers zu heften? I want to break free. Aber wo keine Grenzen gesetzt sind kann ich auch keine Türen zu einer stark sexuell angehauchten Pan-Fantasie öffnen, oder doch? Wo verwandelt sich feie Assoziation in Selbstsatire und wo bleibe ich dem Leser für immer verschlossen?
In Ermangelung einer oder mehrere Antworten und in einem wie auch immer gearteten Bewusstsein, wähle ich eine Figur, die auch Bach sehr gerne verwendete. Ich ende mit dem Anfang, der mir im Moment die einzig genehme Antwort liefert, und erschaffe mein persönliches Rondo. Siehe oben.

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