13.11.2008

Schnipp schnapp et Brügge

Habe gerade meinen Kater zur lokalen Tierärztin transportiert und dann zwecks Kastration dort gelassen. Jule ist vorgestern rollig geworden, der junge Herr ist geschlechtsreif, da lässt sich nichts machen. Da muss man was abschneiden und das wird im Laufe des Tages geschehen. Um 18 Uhr kann ich ihn abholen, dann is er schon wieder wach und wahrscheinlich recht duselig. Nun ja. 45 Euro kostet der "Spaß", günstig, und die Praxis samt Personal macht einen sehr guten Eindruck, schön. Ach ja. Genaueres folgt wahrscheinlich morgen, wenn der ganze Terz dann ein Ende hat und Willy nicht mehr wild halluziniert. Ich hoffe nur er wird nicht allzu fett und faul.

Ich habe gestern einen tollen Film gesehen. Einen einfach guter Film. Aber fangen wir ein wenig anders an:
Stellt euch vor, ihr geht in die Videothek, um einen Film auszuleihen. Ihr wollt etwas, wisst aber eben nicht genau was. Darum streift ihr mit offenen Augen durch die Regale und dabei fällt euer Blick auf dieses Cover:
Ihr seht es an und weil die Farben so schön sind, lest ihr auch noch den Klappentext:
Zwei Killer auf Erholungsurlaub: Eine rabenschwarze Gangsterkomödie in der Tradition von Pulp Fiction und Snatch!
Und dann lest ihr, worum es geht, das fasse ich hier mal persönlich zusammen. Zwei Killer, Ken (Brandan Gleeson) und Ray (Colin Farrell), befinden sich in Brügge, weil ihr Boss Harry (Ralph Fiennes) es so will. Außerdem gab es bei ihrem letzten Job einen recht tragischen Unfall und diesen nimmt Harry dann auch zum Anlass, Ken damit zu beauftragen Ray umzulegen. Dumm nur, dass Ken und Ray recht gut befreundet sind und sich für Ray gerade eine Beziehung mit der schönen Chloe (Clèmence Poésy) ankündigt...

Und ihr schaut auf das Cover... Colin Farrell, Doushebag! Pinke Schrift. Pinkes Eis. Ihr les den Klappentext... Pulp Fiction... Snatch... und ihr denkt oh nääh, so ein möchtegern Tarantino! Nur die Story und vielleicht noch das Bild eines Kleinwüchsigen auf der Rückseite locken euch ein bisschen. Im besten Fall. Aber alles in allem erwartet ihr eine Gaunerklamotte, die sich stark bemüht mit schrägen Humor und pseudo-coolen Sprüchen einen unverdienten Kultstatus zu erreichen. Und... COLIN FARRELL! Und ihr stellt den Film weg.

Und genau das ist das Problem von "In Bruges" (Ja, "In Brügge" war den Herren nicht humorvoll genug...). Er ist falsch vermarktet worden. Ich werde den Trailer hier nicht verlinken, weil ich finde, dass er irgendwie schöne Szene spoilert aber glaubt mir: Der Film wird auch hier (nicht zuletzt durch die Synchro) als Klamotte verkauft. Ein lustiger, kurzweiliger, schwarzhumoriger Kinospaß.
FALSCH!!!!!!!!!
Ja. Der Film hat viele lustige und skurrile Stellen aber es handelt sich hier um Situatioskomik in einem Crime DRAMA!!!! Es ist eine Tragödie und ja, ich weiß, was Aristoteles mit Tragödie meint und ja, nach diesen Maßstäben ist es eine Tragödie. Jemand wird (mehr oder weniger) schuldlols schuldig bla bla bla. Tra- gö - di- e.

Eine verdammt gute. Einem Menschen, der so ein dichtes, psychologisch ansprechendes und vielseitiges Drehbuch schreiben kann, in diesem Fall also Martin McDonagh, Autor und Director, sollte man ohne Vorbehalt gratulieren, eine Messe für ihn lesen lassen, ein Tiefkühlhähnchen opfern. Wann habe ich das letzte Mal einen so durchdachten Film gesehen, mit so vielen Referenzen in die Kunst, ins Unterbewusste? Bewunderswert! Und der Humor kommt ganz natürlich, bricht auf eine angenehme Weise mit dem Ernst und bleibt doch bei der Sache. Lachen, weinen, alles da.
Schon allein für dieses Skript hat sich der Film gelohnt!!!!

Zur Schauspielerischen Leistung: Ja, Colin Farrell. Der kann einen schon nerven. Aber in diesem Film... ohne Witz, das ist das beste, was ich von diesem Mann bisher gesehen habe. Weder over- noch underacted, einfach auf den Punkt und der Vielschichtigkeit des Charakters gewachsen. Ich war schlichtweg positiv überrascht. Was soll ich lobendes über Brendan Gleeson sagen, was nicht schon gesagt wurde. Irisches Schauspieler Urgestein, gerüchteweise Kandidat für eine Oscar Nominierung. Ein toller Charakter für einen tollen Schauspieler! Ralph Fiennes, ich bin ein Fan und ich werde einfach nicht enttäuscht. Hier ein so glaubhafter Soziopath! Ein Schauspiler, der einer Rolle, die im Vergleich zu seinen Kollegen mit deutlich weniger Screentime gesegnet ist, so viel Profil gibt, dass er Farrell und Gleeson in nichts nachsteht. Herrlich anzusehen, alle drei! Die anderen Schauspieler machen aus ihren Rollen, was sie können und das machen sie gut. Mehr bleibt dazu wohl nicht zu sagen.

Die Kamera: Schon in den ersten paar Minuten wiederlegt die Kameraführung für den aufmerksamen Zuschauer die These, es handle sich hier um "einen von diesen Gangsterfilmen der neueren Generation". Einfach zu gut, einfach zu aufmerksam inszeniert, einfach zu kunstvoll in der Bildgestaltung für den auf dem Cover versprochenen Klamauk. Tolle Bilder! Wie gesagt, ich war einmal in Brügge, leider nur ein paar Stunden während eines Zwischenstops auf dem Weg nach Paris, aber ich kann sagen, dass der Film den Charme der Stadt wirklich einfängt.

Die Musik: Was für Musik erwarten wir, wenn wir der Werbung für diesen Film glauben? Britischen Indie?? Das bekommen wir nicht. Was erwartet uns statt dessen? Schubert, Pianosuiten und Luke Kelly. Nur für den Shootout wird es ein wenig drastischer. Tolle Filmmusik, tolle Songs, alles passt.

Tja. Ein absolut genialer Film. Ich bin begeistert. Gibt es etwas an diesem Film, was nicht gut ist?
Ja.
Die Synchro. Wer des englischen mächtig ist, sollte diesen Film nicht auf deutsch ansehen. Sicher, britische Akzente sind nicht unproblematisch. Vor allem Colin Farrell macht es einem nicht leicht. Untertitel. Unter keinen Umständen auf Deutsch. Nie. Nie. Nie. Euch entgehen die besten Kommentare und die Feinheiten, die den Film so gut machen.

Damit solltet ihr gewarnt sein. Verleiher müssen sich nicht wundern, dass gute Filme zu Flops werden, wenn sie sie so schlecht vermarkten lassen. Stellt den Film nicht weg,  nehmt den Film mit! Seht ihn euch an. Ich werde ihn kaufen, sobald mein erstes Gehalt eingetrudelt ist. Und dann werde ich ihn mir sehr oft ansehen. Sehr oft. Und ich werde ihn all jenen, die ihn noch nicht gesehen haben zeigen. Denn es findet sich immer wieder bestätigt: Independent Filme sind einfach besser!
Natürlich 9 von 10 meinerseits, 8,1 bei Imdb und Platz 233 in den Top 250. Verdientermaßen.

Der Film bei Myspace

Drückt Willy die Daumen, er kanns brauchen. Wenn der Kater sich besonders lustig benehmen sollte, mache ich ein Video.

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